SCOPE-Projekt: "Suspension Classes: Organization of Practice and Experience - Accompanying Study on the Implementation and Experience of Suspension Classes in Schools"

Das SCOPE‑Projekt begleitet seit 2026 die Pilotierungsmaßnahme der Suspendierungsklassen an Wiener Schulen mit dem Ziel, die Perspektiven von Schüler:innen, Lehrpersonen und Schulleitungen dazu zu beleuchten. Das Projekt wird unter der Leitung von Prof.in Dr.in Susanne Schwab und Dr.in Katharina‑Theresa Lindner an der Universität Wien in Kooperation mit der Bildungsdirektion Wien durchgeführt.

 

 

Schulsuspendierungen in Wien – Ergebnisse des SCOPE-Projekts zeigen Handlungsbedarf bei Prävention

Schulsuspendierungen in Wien – Ergebnisse des SCOPE-Projekts zeigen Handlungsbedarf bei Prävention

Im Rahmen des Projekts „Suspension Classes: Organization of Practice and Experience“ (SCOPE) wird die Pilotierung von Suspendierungsklassen in Wien wissenschaftlich begleitet. Das Projekt wird von Univ.-Prof.in Dr.in Susanne Schwab und Dr.in Katharina-Theresa Lindner (Universität Wien, Zentrum für Lehrer*innenbildung) in Kooperation mit der Bildungsdirektion Wien (Dr. Rupert Corazza und Julia Thalhammer, BEd) durchgeführt.

Ziel der Studie ist es, die Umsetzung und Wirkung der Suspendierungsklassen multiperspektivisch zu analysieren. Dazu werden die Erfahrungen von suspendierten Schüler:innen, Lehrpersonen und Schulleitungen sowie vorliegende Anträge und statistische Daten der Bildungsdirektion Wien ausgewertet.

Hintergrund der Diskussion

Mit der Gesetzesnovelle im November 2025 wurde festgelegt, dass Schüler:innen während einer Suspendierung an Reintegrationsmaßnahmen teilnehmen sollen. Während die Teilnahme derzeit noch freiwillig ist, wird sie ab dem Schuljahr 2026/27 verpflichtend. Die Suspendierungsbegleitung kann in schul- oder schulartübergreifenden Gruppen organisiert sein, umfasst sozialpädagogische und ähnliche Angebote und ist im Ausmaß von 8 bis 20 Wochenstunden vorgesehen.

Erste Ergebnisse aus dem Projekt

Online-Erhebung: Schulleitungs-Perspektiven

Im Zeitraum von März bis April 2026 wurde eine Online-Befragung durchgeführt. Dazu wurden 180 Schulen per E-Mail eingeladen. Die Stichprobe umfasste jene Pflichtschulen (Volksschulen, Mittelschulen, Polytechnische Schulen und Schulzentren), die zwischen Mai 2025 und März 2026 mindestens eine Suspendierung ausgesprochen hatten. Der Rücklauf der nicht-repräsentativen Studie lag bei etwas über 50 %.

Insgesamt nahmen 99 Schulleitungen an der Befragung teil (74% weiblich, 26% männlich; Durchschnittsalter: M = 53,0 Jahre; durchschnittlich 13 Jahre Leitungserfahrung am aktuellen Standort). Die teilnehmenden Schulleitungen waren überwiegend an Mittelschulen tätig, gefolgt von Inklusiven Schulzentren, Volksschulen und Polytechnischen Schulen sowie von wenigen weiteren Schulformen.

Die Schulleitungen wurden unter anderem gebeten, Einschätzungen auf einer vierstufigen Skala (1 = „Stimmt nicht zu“, 2 = „Stimmt eher nicht zu“, 3 = „Stimmt eher zu“, 4 = „Stimmt voll zu“) abzugeben. Dabei zeigt sich, dass Suspendierungen in bestimmten Situationen als notwendiges Mittel zur Aufrechterhaltung der Schulordnung eingeschätzt werden (M = 3,65). Gleichzeitig wird eher die Auffassung geteilt, dass disziplinarische Probleme durch Suspendierungen meist nicht dauerhaft gelöst werden (M = 3,17). Hinsichtlich der wahrgenommenen Wirkung werden sowohl potenzielle Vorteile als auch Grenzen deutlich: Suspendierungen werden etwa mit einem Beitrag zu einer sicheren Schulumgebung (M = 3,47) sowie mit einer klaren Kommunikation der Schwere von Regelverstößen gegenüber Erziehungsberechtigten (M = 3,35) in Verbindung gebracht. Gleichzeitig betonen die Befragten die Bedeutung präventiver Maßnahmen. So wird eingeschätzt, dass wirksame Präventionsansätze
(M = 3,44) sowie ein unterstützendes Schulklima (M = 3,54) zur Reduktion von Verhaltensproblemen beitragen können.

In Fallvignetten zu typischen Anlässen für Suspendierungen variiert die Einschätzung der Angemessenheit je nach Szenario und Schulleitung. Höhere Zustimmung zeigt sich etwa bei schwerer körperlicher Gewalt mit Fremdgefährdung (M = 3,33) und bei sexueller Gewalt (M = 3,31), während Drohungen vergleichsweise niedriger bewertet werden (M = 2,22). Über alle Szenarien hinweg betonen Schulleitungen die Notwendigkeit kontextbezogener Entscheidungen sowie begleitender Maßnahmen. Dazu zählen insbesondere der Einbezug der Erziehungsberechtigten, schulische Disziplinarmaßnahmen, Angebote der Schulpsychologie und des Kinderschutzes, externe Unterstützung (z. B. Polizei oder Meldestellen) sowie restaurative Ansätze wie Wiedergutmachung, Präventions- und Konfliktworkshops.

Im Rahmen offener Fragen hatten Schulleitungen die Möglichkeit, wahrgenommene Vor- und Nachteile von Suspendierungen sowie alternative Maßnahmen zu benennen.

Als Vorteile von Suspendierungen werden vor allem der Schutz und die Entlastung der Schulgemeinschaft sowie eine Signalwirkung im Sinne klarer Konsequenzen hervorgehoben. Zudem sehen einige Schulleitungen potenzielle pädagogische Effekte, etwa die Möglichkeit, Verhaltensänderungen anzustoßen.

Gleichzeitig weisen die Befragten auf mögliche negative Folgen hin. Dazu zählen insbesondere das Risiko von Stigmatisierung und der Verlust von Lernzeit für betroffene Schüler:innen. Vereinzelt wird auch beschrieben, dass Suspendierungen von Schüler:innen nicht immer als Sanktion wahrgenommen werden. Darüber hinaus werden strukturelle Herausforderungen betont, etwa ein erhöhter organisatorischer Aufwand sowie fehlende personelle Ressourcen für eine angemessene pädagogische und psychologische Begleitung.

Übergreifend wird deutlich, dass Suspendierungen von Schulleitungen als Maßnahme letzter Instanz verstanden werden. Entsprechend wird ein Bedarf an begleitenden Maßnahmen, an einer stärkeren Einbindung der Erziehungsberechtigten sowie an interdisziplinärer Zusammenarbeit, insbesondere mit Schulsozialarbeit und Schulpsychologie, hervorgehoben.

Perspektiven von suspendierten Schüler:innen

Die Auswertung von zwölf Einstiegsinterviews mit suspendierten Schüler:innen zeigt ein konsistentes Bild: Suspendierungen tragen primär zu einer kurzfristigen Entlastung und Stabilisierung des Schulbetriebs bei. Aus Sicht der Betroffenen entfalten sie jedoch nur selten lern- oder entwicklungsförderliche Effekte.

Wiederkehrend berichten die Schüler:innen von Defiziten in der subjektiv wahrgenommenen Verfahrensfairness. Dazu zählen insbesondere fehlende oder verspätete Informationen zu Gründen und Dauer der Maßnahme, eingeschränkte oder einseitige Anhörungen sowie unklare Begründungen. Zudem wird von wahrgenommener Ungleichbehandlung berichtet, etwa durch inkonsistente Sanktionspraktiken, Kollektivstrafen oder starre Belohnungs- und Bestrafungssysteme. Als weitere negative Nebenfolgen werden Stigmatisierung, Vertrauensverlust und der Verlust von Lernzeit genannt. In einzelnen Fällen wird die Suspendierung zwar als kurzfristig entlastend erlebt, ohne dass zugrunde liegende Problemlagen im Hinblick auf eine nachhaltige Reintegration bearbeitet werden.

Aus diskriminierungskritischer Perspektive sind insbesondere die von Schüler:innen beschriebenen Wahrnehmungen von Ungleichbehandlung relevant. Dazu gehören etwa Berichte über als strenger erlebte Sanktionierungen für Schüler:innen mit Migrationsbiografie sowie über Sprachbarrieren, in deren Kontext Kinder teilweise Dolmetschfunktionen übernehmen.

Auf systemischer Ebene verweisen die Schüler:innen auf Lücken in Prävention und Intervention, etwa im Umgang mit anhaltendem Mobbing, Peer-Druck sowie eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten für Bystander (z. B. sicheres Eingreifen ohne Gewaltanwendung). Ein Teil der Befragten beschreibt zudem ausgeprägte Bedarfe im Bereich der Emotionsregulation
(z. B. Wut, „Blackouts“) und formuliert konkrete Unterstützungswünsche, etwa kurze, klar geregelte Auszeiten, körperliche Ausgleichsmöglichkeiten oder transparente Deeskalationsstrategien.

Einzelne Vertrauens- bzw. Beratungslehrkräfte werden als wichtige protektive Faktoren beschrieben. Wo solche stabilen Beziehungen zu qualifizierten schulischen Fachkräften fehlen, berichten die Schüler:innen hingegen häufiger von Zurückhaltung und Misstrauen. Positiv hervorgehoben werden zudem Maßnahmen, die Lernkontinuität und Struktur sichern, wie etwa Online- bzw. Hybridunterricht, geregelte Nachschreibemöglichkeiten sowie eine gezielt gestaltete Reintegration.

 

Fazit

Die vorliegenden Ergebnisse aus der Online-Befragung von Schulleitungen sowie den Interviews mit betroffenen Schüler:innen zeichnen ein konsistentes Bild: Suspendierungen erfüllen primär eine kurzfristige Funktion zur Entlastung und Stabilisierung des Schulbetriebs, tragen jedoch nicht zur nachhaltigen Bearbeitung zugrunde liegender Problemlagen bei.

Insbesondere die Perspektiven der Schüler:innen machen deutlich, dass Suspendierungen häufig nicht als faire oder unterstützende Maßnahme erlebt werden. Berichtet werden Defizite in Transparenz und Verfahrensfairness, Erfahrungen von Ungleichbehandlung sowie negative Folgen wie Stigmatisierung, Vertrauensverlust und Lernzeitverlust. Die Ergebnisse aus den Fallvignetten verdeutlichen zudem, dass die Einschätzung der Angemessenheit von Suspendierungen nicht nur kontextabhängig ist, sondern teils deutlich zwischen Schulleitungen variiert. Dies weist auf eine hohe individuelle Auslegung sowie auf potenzielle Inkonsistenzen in der Entscheidungspraxis hin. Diese Befunde verweisen auf mögliche strukturelle Ungleichheiten im Umgang mit disziplinarischen Maßnahmen.

Auch aus Sicht der Schulleitungen zeigen sich deutliche Grenzen der Wirksamkeit: Suspendierungen werden überwiegend als kurzfristige Intervention bzw. als Maßnahme letzter Instanz verstanden, nicht jedoch als nachhaltige Lösung.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine primär auf Suspendierung gestützte Praxis kritisch. Mit Blick auf die geplante verpflichtende Teilnahme an Reintegrationsmaßnahmen ab dem Schuljahr 2026/27 stellt sich daher nicht nur die Frage nach der Ausgestaltung dieser Angebote, sondern auch grundlegend jene nach der Vermeidung von Suspendierungen.

Die Ergebnisse weisen klar auf einen erhöhten Bedarf an präventiven und systemisch verankerten Ansätzen hin. Dazu zählen insbesondere der Ausbau von Beziehungsarbeit, frühzeitige und wirksame Prävention, eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit (z. B. mit Schulsozialarbeit und Schulpsychologie) sowie eine intensivere Einbindung der Erziehungsberechtigten. Ziel sollte es sein, Verhaltensprobleme frühzeitig zu bearbeiten, anstatt primär auf exkludierende Maßnahmen zurückzugreifen.

 

Wissenschaftliche Kontakte:

Univ.-Prof.in Dr.in Susanne Schwab (Zentrum für Lehrer*innenbildung und Institut für Bildungswissenschaft, Universität Wien) – susanne.schwab@univie.ac.at

Dr.in Katharina-Theresa Lindner (Zentrum für Lehrer*innenbildung, Universität Wien) –
katharina-theresa.lindner@univie.ac.at

Alexandra Pirker, BSc BEd MEd (Zentrum für Lehrer*innenbildung, Universität Wien) – alexandra.pirker@univie.ac.at

SCOPE-Projektwebseite: https://lehrerinnenbildung.univie.ac.at/arbeitsbereiche/schulpaedagogik-soziale-kulturelle-und-sprachliche-vielfalt/forschungsprojekte/scope/

 

Kontaktpersonen der Bildungsdirektion Wien:

SQM HR Mag. Dr. Rupert Corazza (Bildungsdirektion Wien, Fachbereich Inklusion / Diversität / Sonderpädagogik, Clusterbildung, Bildungsforschung) – rupert.corazza@bildung-wien.gv.at

Mag.a Julia THALHAMMER, BEd (Bildungsdirektion Wien, Fachbereich Inklusion / Diversität / Sonderpädagogik) – julia.thalhammer@bildung-wien.gv.at

 Symposium 20.04.2026

Online‑Symposium am 20. April 2026 ab 13:15 Uhr

Die Einladung sowie den Zoom‑Link (https://univienna.zoom.us/j/67827762121?pwd=UAy2SuMeliuCsADZGCPeRc9xmZoSCX.1) 

Um erste Einblicke in das SCOPE‑Projekt und die Suspendierungsmaßnahmen zu präsentieren, laden wir Sie herzlich zu einem Online‑Symposium am 20. April 2026 ab 13:15 Uhr ein. Das SCOPE‑Projektteam wird erste zentrale Ergebnisse der Studie vorstellen, die wertvolle Impulse für die schulische Praxis liefern. Ergänzend dazu halten Vertreter:innen aus Bildungsforschung und Schulpraxis Impulsvorträge; anschließend findet eine Podiumsdiskussion mit Expert:innen statt, darunter Vertreter:innen der Bildungsdirektion aus unterschiedlichen Fachbereichen.

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